Je anspruchsvoller die Verschraubung und ihre Aufgabe, „desto wichtiger wird der Zweiklang aus Wissen und Erfahrung des zuständigen Monteurs“, sagt Holger Junkers. Der anerkannte Schraubfachexperte und Trainer verweist daher auf die Bedeutung der drei Kompetenzstufen „Kennen“, „Können“ und „Beherrschen“, wenn es um die Einordnung aber auch Entwicklung von Monteuren und Technikern geht. Für ihn steht fest: „Entscheidend ist jeweils die Summe aus Erfahrung und Fachwissen nach dem Stand der Technik.“

Als unterste der drei Kompetenzstufen steht „Kennen“ für die Basis. Der Fokus liegt stark auf dem theoretischen Unterbau, der es einem Techniker erlaubt, wiederkehrende, bekannte oder ihm delegierte Verschraubungsaufgaben nach bestem Wissen und Gewissen auszuführen. Damit einher geht ein eher eingeschränkter Verantwortungsbereich. Ziel innerhalb dieser Stufe sollte es für einen Monteur oder Techniker sein, Anwendungserfahrungen zu sammeln, um entweder den Status zu erhalten oder einen Schritt weiterzugehen.
Denn genau das umschreibt die nächsthöhere Kompetenzstufe „Können“. Sie vereint theoretisches Fachwissen, das durch Anwendungserfahrungen gestützt und verinnerlicht worden ist. Die Folge: Neue und unbekannte Aufgaben rund ums Verschrauben können aufgrund eigener Erfahrungswerte und Wissen adäquat bewältigt werden. Das Ziel innerhalb dieser Kompetenzstufe sollte darin liegen, sowohl praktische Erfahrungen als auch Fachwissen zu sammeln, um sich zu spezialisieren.
Die Kombination aus intensiver sowie langjähriger Erfahrung und einem aktuellen Wissensstand, der ständig erneuert wird, bildet die höchste Kompetenzstufe „Beherrschen“. Sie erlaubt es, bei herausfordernden oder fehlerhaften Verschraubungen mit einer eigenen Lösungskompetenz zu positiven Ergebnissen zu gelangen. Dementsprechend hoch ist auch der Verantwortungsbereich: Dann eigenes Handeln zieht automatisch Verantwortung für dieses Vorgehen nach sich. Wenn es in dieser Kompetenzstufe ein Ziel gibt, dann geht es darum, dieses hohe Maß an Fähigkeiten aufrechtzuerhalten und, respektive oder, neue Aufgabenfelder anzugehen.
Qualität in Bausteinen
Bestandteil und Leitlinie jeder sachgerechten Weiterbildung im Bereich der Schraubtechnik ist die VDI/VDE-Richtline-MT 2637. Sie befasst sich mit den notwendigen Qualifikationen für alle mit der Schraubtechnik befassten Personen. Dabei beschränkt sich ihre Zuständigkeit nicht allein auf Mitarbeitende in Konstruktion und Montage, sondern bildet erforderliche Kompetenzen für Führungskräfte, Projektleiter oder den Einkauf ab. Aus ihr resultieren 52 Qualifizierungsbausteine oder auch Q-Bausteine. Diese beziehen sich ausschließlich auf fachspezifischen Themen innerhalb der Schraubtechnik und nehmen die drei Kompetenzstufen „Kennen“, „Können“ und „Beherrschen“ auf. Unabhängig davon, sollten alle mit Schraubtechnik befassten Personen die VDI/VDE-Richtline-MT 2637 kennen und wissen, dass sie für Verschraubungsarbeiten definierte Voraussetzungen erfüllen müssen.
Schulungen zur VDI/VDE-MT 2637 und den Q-Bausteinen sollten möglichst bedarfsorientiert durch Trainer und Referenten erfolgen, die sowohl über theoretisches Wissen als auch praktische Erfahrungen verfügen. Kompetente Lernanbieter wie die nach ISO 29993 zertifizierte Akademie der Schraubverbindung (AdSV®) setzen auf kompetente Referenten und bieten passgenaue Seminare und Weiterbildungsmöglichkeiten, mit denen sich die Kompetenzstufen halten und erklimmen lassen.
Eigene Grenzen erkennen
Jeder der 52 Qualitätsbausteine steht für sich und einen definierten Arbeits- oder Verantwortungsbereich. Zwar bauen sie logisch gesehen aufeinander auf, aber das heißt nicht, dass man den Q32 erst angehen darf, nachdem alle Bausteine von eins bis 31 absolviert wurden. Welchen Q-Baustein man benötigt, hängt von der Aufgabe und dessen Verantwortlichkeit ab. Hier spielen die Kompetenzstufen eine Rolle: Muss der Techniker nur Schrauben anziehen und bei einem Fehler seinen Vorgesetzten hinzuziehen? Oder darf er eigenverantwortlich nach einer Lösung suchen? Allein zu wissen, wie man innerhalb seines Verantwortungsbereich agieren darf, ist eine wichtige Erkenntnis und im Sinne der Haftung ein wesentlicher Faktor. Aus Sicht eines Trainers ist das einer der wichtigsten Inhalte, die zu vermitteln sind: Kompetenz beginnt da, wo ein Monteur seine Grenzen kennt und dementsprechend verantwortungsbewusst handelt.
Wissen gezielt vermitteln
Bei Schulungen, die auf die Kompetenzstufe „Kennen“ ausgerichtet sind, liegt der Schwerpunkt eher auf der Wissensvermittlung. Es geht stärker um Fachwissen und Hintergründe. Geht es ums „Können“ steigt der Praxisanteil sehr stark an. Es geht darum, ein Gefühl für Werkzeuge und Material zu entwickeln, um praktische Arbeitssicherheit und die korrekte Ausführung einer Verschraubung. Hier werden Fragen beantwortet wie nach der Nutzung des Werkzeugs: „Wie halte ich es richtig, wie bediene ich es?“
Noch intensiver wird das Ganze, wenn es ums „Beherrschen“ geht. Gefragt sind Verständnis von Physik, von Prozessen und Erfahrungen, um Verantwortung übernehmen zu können. Ein gutes Beispiel dafür ist der Q50 (Analyse des Verschraubungsprozesses), bei dem Schraubverbindungen untersucht werden, um notwendige Optimierungen oder Korrekturen umzusetzen. Dafür braucht es Wissen, Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein.
Weiterbildung bringt weiter
Die Investition in Wissen und Erfahrung sowie das Sichtbarmachen von Kompetenzzuwachs lohnt sich nicht nur im Bereich der Schraubtechnik. Es betrifft alle Branchen. Die Anforderungen von Seiten der Industrie wachsen in vielen Bereichen. Es geht um Prozessqualität und -sicherung, um Nachhaltigkeitsvorgaben und Umweltauflagen. Der Nachweis von Kompetenz, erworben bei zertifizierten Lerndienstleistern, wird dementsprechend bedeutender. Außerdem gilt auch für sämtliche technischen Entwicklungen: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit, weil sein Wissen und seine Erfahrung nicht mehr relevant sind.
Holger Junkers ist Diplom-Ingenieur (FH) und Schraubfachingenieur (DSV©). Er ist Geschäftsführer der JUKO Technik GmbH und seit vielen Jahren Referent bei der Akademie der Schraubverbindung (AdSV©).
